Martin Lensch:Mit dir möcht' ich nicht tauschen!oder: Tausch ist doch kein Raub (altes deutsches Sprichwort)Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine kleine Geschichte, die auf eine wahre Begebenheit zurückgeht. Eine Geschichte von einem Rollentausch, der schief ging. Diejenigen, die dabei waren, werden sich erinnern. Diejenigen, die dabei waren und sich ganz anders erinnern, möchte ich milde stimmen mit der Empfehlung: Man soll eine gute Geschichte nicht allzu sehr durch die Wahrheit verderben. Wer wollte es bezweifeln: Der Rollentausch ist die wichtigste Spieltechnik des pädagogischen Rollenspiel. Protagonist und Zuspieler tauschen ihre Rollen. Wer vorher Knecht spielte, spielt anschließend den Herrn und umgekehrt. Besonders wirksam wird der Rollentausch, wenn Szenen des Alltags im Spiel rekonstruiert werden. Wenn Lehrer und Schüler, Chef und Mitarbeiter, Mutter und Tochter, Ehemann und Ehefrau, der "gute" Protagonist und der "böse" Antagonist zunächst ihre reale Situation spielen, dann aber die Rollen tauschen und sich in der Rolle des anderen erleben, eröffnen sich zwei Möglichkeiten: Zum einen wird der Zuspieler realitätsnah in seine Rolle eingewiesen, zum anderen erlebt sich der Hauptspieler von der entgegengesetzten Seite. Das bedeutet ganz wörtlich, sich mit den Augen des anderen zu sehen. Beim sozialen Lernen ist der Rollentausch deshalb eine sehr wirkungsvolle Methode, um Einfühlung in den anderen anzuregen, Distanz zu seiner gewohnten Rolle zu erfahren und neue Erfahrungen zu ermöglichen. Altmeister Moreno hat die Bedeutung des Rollentausches auch erkannt: "Es gibt kein Psychodrama ohne Rollentausch." lautet die ultimative Auskunft. Und wer es ganz genau wissen will, dem seien die Ausführungen von Frau Zeintlinger empfohlen:
"Es gibt zwei Personen, A und B. A und B sind in der Gruppe anwesend. A befindet sich auf Platz L1. Ich wollte Ihnen eine Geschichte erzählen. Ich arbeite mich an die Sache heran: Die Sache ist der Rollentausch einer Protagonistin mit einem Zuspieler, der eine nicht anwesende Person verkörpert. Wieder Frau Zeintlinger:
"Es gibt zwei Personen, A und B. A ist anwesend. B ist nicht anwesend. A kennt B und umgekehrt. Es gibt in der Gruppe eine Person C. C stellt B dar. C kennt B nicht. Wenn C den B spielt, wird das B+ genannt. A befindet sich auf Platz L1. C als B befindet sich auf Platz L2. (Das kennen wir ja von oben. Jetzt kommt ein wildes Durcheinander. Aber das Alphabet hat genug Weckstaben, wir dürfen sie nur nicht verbuchseln.)
Ich wollte Ihnen eine Geschichte erzählen. Aber der Erzähler unserer Tage ist unkonzentriert und fragt ständig: Wo war ich stehen geblieben? Er hält sich mit Details auf, verliert den Faden, lacht schon im Voraus, falls ihm etwas lustig vorkommt. Wenn die Leser auf die Pointe warten, gibt er diesem Wunsch nicht ohne weiteres nach, er kann da verdammt hart sein. Jedem Versuch der Beschleunigung begegnet er mit: "Moment, das kommt doch erst noch!" Er selbst scheint zeitweise die meiste Freude daran zu haben, dass die Geschichte immer noch nicht zu Ende ist. Nicht einmal übersichtlich sind seine Geschichten: er scheint magisch angezogen von seltsamen, gänzlich unwichtigen Einzelheiten am Rande. Auch Fragen können ihn nicht hetzen. Genießerisch verrät er: "Warte, davon erzähle ich doch gerade!" Sie denken, das ist ein schlechter Erzähler? Dann wissen Sie noch nicht, wodurch Spannung entsteht: jedenfalls nicht durch Geschwindigkeit. Wer Kunst und Brillanz vermisst, der begreift nach einiger Zeit, dass es um die Sache geht, um die eine Sache, die immer der Gegenstand des Erzählens ist: das krause Detail, das scheinbar Unwichtige, Unvorhergesehene, das sich aus kleinsten Zufällen summiert und dann über alles entscheidet: Herrschaft der paradoxen Wendungen, des Humors also, oft des tragikomischen. Äußerlich scheint der Erzähler darauf aus zu sein, Geschichten vom Gelingen zu liefern. Aber was entsteht daraus unter seinen Händen? Die Geschichte von der immerwährenden Pleite aller menschlichen Pläne, vom weltweiten Fiasko der Vernunft. Und immer auch von der Niederlage derer, die glauben, Geschichten müssten mit befriedigenden Erklärungen enden. Ich wollte Ihnen eine Geschichte erzählen. Aber zuvor noch einen kleinen Ausflug in die Indikations- und Kontraindikationslehre, oder: Wann ist Rollentausch angesagt und wann nicht? Und wer hilft bei solcher Frage? Richtig, Frau Zeintlinger:
Jedes Spiel hat seine Regeln. So auch das Rollenspiel. Wir kommen also zu den Gesetzestafeln des Rollentausches:
Ich wollte Ihnen eine Geschichte erzählen. Wir befinden uns in einer Rollenspielausbildungsgruppe. Ein Protagonistenanliegen wird gesucht. Eine Frau meldet sich und beginnt zu erzählen: Sie hat einen Nachbarn, einen neugierigen und aufdringlichen Nachbarn. Er ist Kellner am Flughafen, ein hagerer Typ mit Schnäuzer, schwarzen Haaren, dunklen Augen - "und zwei Köpfe größer als ich". Der Mann versucht schon seit einiger Zeit unter irgendwelchen Vorwänden Kontakt zu ihr zu bekommen und in ihre Wohnung zu gelangen. Die Protagonistin will also trainieren, standhaft zu bleiben, Grenzen zu setzen und ihn abzuweisen. Die Szene wird nachgestellt. Heute kommt der Nachbar wegen "Treppe wischen". "Ich will ihn auf keinen Fall in die Wohnung lassen. Also stelle ich mich demonstrativ in den Türrahmen, versuche unglaublich lässig auszusehen, den linken Arm am Türpfosten, die rechte Hand fest an der Klinke. Er sagt, dass er nur..." "Rollentausch!" schallt es von fachkundiger Seite dazwischen, Ablaufformen, Indikation und technische Regeln im gut ausgebildeten Hinterkopf, und der gefügige Zuspieler trottet über die Türschwelle hinweg an der Protagonistin vorbei ins Innere der Wohnung, während sie sich ebenso bereitwillig in den Hausflur begibt. Doch dreht sie sich um und blickt an dem sie um zwei Köpfe überragenden Nachbarn empor, der sich inzwischen in ihrer Tür aufgebaut hat. Ihre Augen weiten sich, ein spitzer Schrei löst sich von ihren Lippen: "Aber das wollt' ich doch gerade verhindern!" Literatur:
|
Termine / News |